Akademie für Alte Musik Berlin, Melnikov, Forck – Emilie Mayer

Frau Beethoven. Es waren ihre Zeitgenossen, die Emilie Mayer diesen Namen anhefteten, so beeindruckend war ihr Können und ihr Œurve. Ihr Erfolg war für eine Frau im männer-dominierten 19. Jahrhundert absolut bemerkenswert. Und bemerkenswert ist auch, dass erst mehr als 130 Jahre nach ihrem Tod erste Alben mit ihrem Werk erschienen. Das jüngste von ihnen ist Emilie Mayer: Piano Concerto, Symphony No. 1, Overtures (Symphonic Works, Vol. 1), eingespielt von der Akademie für Alte Musik Berlin unter der Leitung ihres Konzertmeisters Bernhard Forck und mit ihrem langjährigen Begleiter Alexander Melnikov als Pianisten.
Emilie Luisa Frederika Mayer kam am 14. Mai 1812 in mecklenburgischen Friedland als viertes Kind des Ratsapothekers August Friedrich Mayer und dessen zweiter Gattin Henrietta Caronia Louisa zur Welt. Der Vater hatte ein Ohr für das Talent seiner Tochter und schon als Fünfjährige erhielt sie Klavierunterricht beim Friedländer Kantor und Organisten Carl Driver.
Mit Mitte 20 war Mayer Schülerin des Stettiner Organisten und Komponisten Carl Loewe und schrieb erste eigene Kompositionen. Loewe war von den Arbeiten seiner Schülerin sehr angetan und führte ihre ersten Symphonien auf. Außerdem stellte er Kontakt zu den Komponisten Adolf Bernhard Marx und Wilherlm Friedrich Wieprecht in Berlin her, wo Mayer weiteren Unterricht erhielt.
Parallel zu ihren Lehrstunden unternahm Mayer eigene Konzertreisen und schrieb weitere Werke. Mit 38 Jahren organisierte sie ihr erstes Konzert in Berlin, das die Vossische Zeitung mit einem zeittypischen, aber eher neugierigen Kommentar ankündigte:
Ein solches Konzertprogramm, ganz von weiblicher Hand ins Leben gerufen, ist nach unserer Erfahrung und Kenntnis bis jetzt ein Unikum in der musikalischen Weltgeschichte
Mayer war clever, auch im Selbstmarketing. Um ihre Symphonien im königlichen Schauspielhaus aufführen zu dürfen, schickte die begeisterte Hobbybäckerin der Königin eine Brotschale in pompejanischen Stil, gebacken aus Weißbrotteig. Die Folgen waren umfassend: Mayer erhielt neben einer Goldmedaille auch das Placet, in den royalen Hör-Sälen aufführen zu dürfen.
Als Mayer 1883 in Berlin starb, war sie die bekannteste Komponistin ihrer Zeit. Und trotzdem war die Erinnerung an sie schnell verschwunden und kommt erst seit wenigen Jahren wieder zurück. Die Akademie für alte Musik Berlin präsentiert ihre Musik in der für das Ensemble typischen Weise – stilgerecht mit Instrumenten, die aus der Epoche sind oder in gleicher Weise nachgebaut wurden. Und die Epoche ist: die Romantik.
Die Kompositionen auf Emilie Mayer: Piano Concerto, Symphony No. 1, Overtures (Symphonic Works, Vol. 1) sind waschechte Kinder der Romantik. Tonalität, musikalische Auffassung, selbst manche Phrasen wirken wie aus dem Lehrbuch. Doch sind das Momentaufnahmen, denn Mayer nutzt die Rahmenbedingungen souverän und intelligent. Sie bricht diese Konventionen, als wolle sie mit Zitaten zeigen, dass sie durchaus kann, um dann einem sanfteren Ausdruck den Vorzug zu geben – was einen Teil ihres musikalischen Zaubers und seiner Leichtigkeit ausmacht.
Sanft ist auch für die Einspielung selbst ein gutes Stichwort. Der Griff zu historischen Instrumenten entschärft manche Spitze moderner Violinen und schafft eine durchweg entspanntere Atmosphäre im Klangbild. Die Kraft im Unterbau trifft auf warme Mitten und sanfteren Diskant. Das zeigt schon die Overtüre in d-Moll, die das Album eröffnet und die einlädt, das Klavier-Konzert in bes-Moll, die Overtüre Nr. 3 in C-Dur und schließlich die Symphonie No. 1 in c-Moll zu genießen.
Den Genuss erleichtert auch die gelungene Aufnahme. Das Orchester mit seinen rund 30 Musikern ist auf einer breiten Bühne räumlich tief gestaffelt, was eine erhebliche Transparenz schafft und zugleich viele musikalische Bonbons bereithält – beispielhaft genannt sei der geradezu natürlich anmutende Lauf der Flöten in die Streicher-Passagen des ersten Satzes des Klavier-Konzerts. Dessen Flügel spielt Melnikov übrigens näher am Hörplatz, was die Güte der Abmischung erneut unterstreicht.
Emilie Mayer: Piano Concerto, Symphony No. 1, Overtures (Symphonic Works, Vol. 1) ist in vielfacher Weise ein Glücksgriff. Die Kompositionen sind großartig, das Ensemble spielt verführerisch, der Pianist ein brillant und die Einspielung hochkarätig.
Da bleibt nichts zu wünschen übrig.
Album-Daten
Interpret: Akademie für Alte Musik Berlin, Alexander Melnikov & Bernhard Forck
Titel: Emilie Mayer: Piano Concerto, Symphony No. 1, Overtures
Genre: Klassik
Label: Harmonia Mundi
Jahr: 2026
Spielzeit: 1.19:12 min
Format: FLAC 96/24
Als Studio Master für 17,50 Euro bei HighResAudio
Abbildungen: Harmonia Mundi


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